Unser erster Monat in Mexiko

Jahrelang haben wir auf diesen Moment hingearbeitet. Wir haben geplant, gerechnet, gehofft, gezweifelt und immer wieder davon gesprochen, wie es sein wird, eines Tages wirklich in Mexiko zu leben.

Irgendwann wurde dieser Traum so groß und gleichzeitig so fern, dass er fast unwirklich wirkte.

Und dann war er plötzlich da.

Wir saßen im Flugzeug.

Stundenlang.

Wir warteten auf Flughäfen während unserer Zwischenstopps. Wir beobachteten Menschen, hörten Durchsagen, tranken schlechten Kaffee – und warteten darauf, dass uns die Emotionen überrollen würden.

Aber sie kamen nicht.

Keine Euphorie.

Kein Herzklopfen.

Kein „Jetzt beginnt unser neues Leben!“-Moment.

Stattdessen fühlte sich alles seltsam gedämpft an, fast wie in Watte gepackt. Nach all den Jahren des Wartens schien unser Kopf den entscheidenden Schritt noch nicht nachvollziehen zu können.

Auch die Ankunft in Mexiko änderte daran zunächst wenig.

Dabei war die Veränderung enorm: Unser Lebensmittelpunkt lag nun fast am anderen Ende der Welt.

Alles war ja schon sehr vertraut – die neue Sprache, Gerüche, Geräusche, Licht, Menschen.

Und trotzdem fühlte es sich nicht so an, als hätte unser Inneres die Reise bereits mitgemacht.

Die ersten Wochen wurden von etwas beherrscht, das jeder Auswanderer kennt. Organisation: Termine, Formulare ausfüllen, Steuernummer besorgen, Bankkonto eröffnen, Hausbesichtigungen, Autos anschauen – verwerfen – wieder neu suchen, Haushaltsgegenstände einkaufen, weitere Bescheinigungen und Verträge unterschreiben.

Jeder Tag war voll, jeder Tag hatte eine To-do-Liste.

Und so funktionierten wir.

Punkt für Punkt.

Genau wie in den letzten Jahren in Österreich.

Manchmal fragten wir uns abends: Warum fühlt sich dieser Traum noch nicht wie ein Traum an?

Warum stehen wir endlich hier in Mexiko und fühlen es nicht!

Vielleicht braucht das Herz länger als der Körper.

Vielleicht kann man einen Kontinent in wenigen Stunden überqueren, aber ein Leben nicht.

Der große Umbruch war bereits Realität.

Nur unsere Gefühle waren noch unterwegs.

Doch jetzt, nach einigen Wochen, scheinen die Gefühle endlich nachgereist zu sein.

Ganz leise und beinahe unbemerkt hat sich so etwas wie Alltag eingeschlichen.

Nicht der Alltag, vor dem man flieht, sondern jener, von dem wir so lange geträumt haben.

Die Tage beginnen mit langen Frühstücken im Garten, während die Sonne langsam höher steigt und die ersten Vögel ihr Konzert geben.

Dazwischen Hausarbeit oder Besorgungen, die kleinen Dinge des täglichen Lebens. Nichts Spektakuläres – und doch fühlt sich gerade das so besonders an.

Es sind die Momente dazwischen, die uns zeigen, dass wir angekommen sind: endlose Spaziergänge an nahezu unberührten Stränden, das Rauschen des Meeres, das mittlerweile zur Hintergrundmusik unseres Lebens geworden ist. Frisches Obst, das tatsächlich nach Sonne schmeckt. Meeresfrüchte, die morgens noch im Wasser und abends schon auf dem Teller sind. Und dann diese Abende – ein gutes Glas Rotwein mit langen Gesprächen und das Gefühl, endlich Zeit zu haben.

Zeit füreinander.

Zeit zum Leben.

Haben wir uns unser Leben hier so vorgestellt?

Ja.

Genau davon haben wir geträumt.

Fühlt es sich bereits wie Zuhause an?

Überraschenderweise ebenfalls ja. Obwohl unser kleines Häuschen nur eine gemietete Übergangslösung ist, fühlt es sich längst nicht mehr nach Urlaub an. Es fühlt sich nach Leben an.

Ist alles so, wie wir es erwartet haben?

Nein.

Ganz ehrlich: Es ist viel, viel besser.

Wir fühlen uns rundum wohl, sicher, willkommen.

Fast täglich sind wir aufs Neue überrascht von der Freundlichkeit, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen. Vieles wirkt hier unkomplizierter, entspannter und menschlicher.

Natürlich hat auch die mexikanische Bürokratie ihre Eigenheiten, doch selbst diese lassen sich mit einem ehrlichen Lächeln deutlich leichter ertragen als manches Formularwesen, das wir aus Österreich kennen.

Wir genießen die Sonne auf unserer Haut.

Unsere Knochen schmerzen nicht mehr bei jedem Wetterumschwung. Und die abendliche Frage, ob man vorsichtshalber noch eine Jacke mitnehmen sollte, hat sich inzwischen erledigt.

Vor allem aber spüren wir etwas, das uns in den ersten Wochen noch gefehlt hat:

Wir sind angekommen.

Nicht nur mit unseren Koffern und Papieren, sondern mit allen Fasern unseres Körpers.

Langsam entstehen neue Kontakte und Freundschaften.

Wir lernen Menschen kennen, entdecken neue Orte und beginnen, uns auf den mexikanischen Rhythmus des Lebens einzulassen.

Einen Rhythmus, der uns daran erinnert, dass das Leben nicht nur aus Terminen, Verpflichtungen und To-do-Listen besteht.

Vielleicht ist genau das das größte Geschenk dieses ersten Monats in Mexiko:

Zu erkennen, dass wir nicht nur in ein anderes Land gezogen sind, sondern in ein anderes Lebensgefühl!

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