Besuch, mit dem wir nicht gerechnet haben

Marcella kennt wahrscheinlich jeder, der regelmäßig auf unseren Markt geht.

Der Platz, auf dem der Markt stattfindet, gehört Marcella. Aber sie ist dort nicht einfach nur die Frau, der das Grundstück gehört.

Marcella ist die gute Seele des Marktes.

Sie macht phänomenal gute Fischtacos, die immer sofort ausverkauft sind. Sie plaudert mit jedem, hilft, wo sie kann, und ist einfach ein Mensch, den man gern um sich hat – immer gut gelaunt, obwohl sie selbst kein einfaches Leben hat.

Und genau das erleben wir hier in Mexiko immer wieder: Die Menschen jammern nicht. Sie sind gut aufgelegt, fragen, wie es einem selbst geht, und sind sofort dabei zu helfen, wenn sie können.

Und ihre Hunde liegen ihr ganz besonders am Herzen. Sie sind ihr Ein und Alles.

Wir kennen die vier natürlich auch vom Markt. Als wir das erste Mal dort waren, mussten wir schon lachen. Da sahen wir Sabi, eine von Marcellas Hündinnen, die nämlich genauso aussieht wie unsere Hope.

Dadurch kamen wir auch gleich mit Marcella ins Gespräch und zeigten ihr Fotos von unserer Nala. Dabei stellten wir fest, dass die beiden sich nicht nur im Aussehen ähnlich sind, sondern auch vom Charakter.

Ein Temperamentsbündel, überall rambum, immer mittendrin bei den Leuten und natürlich auch immer bei uns.

Die anderen drei sind nicht weniger interessant.

Da wäre Rocket, ein ebenfalls schwarzer Pitbull. Ein Kampfhund – wobei sich das „Kampf“ bei ihm ausschließlich auf Kampfkuscheln bezieht.

Dann Candela, eine richtige Fluschlmaus, bei der irgendwo ein Cockerspaniel mitgemischt haben dürfte. Candela bedeutet auf Mexikanisch Zimt.

Und dann ist da noch Blake. Der wusste offenbar nicht so genau, ob er eigentlich ein Hund oder doch lieber ein Pony werden sollte.

Er schaut aus wie ein Deutscher Schäferhund – nur komplett in Schwarz und ungefähr doppelt so groß.

Wenn wir sonntags auf dem Markt waren, hatte Romed eigentlich immer ein paar Guzi für die vier eingesteckt. Die wussten das natürlich längst.

Am Wochenende haben wir erfahren, dass Marcella mittlerweile seit zwei Wochen im Krankenhaus liegt.

Marcella lebt allein und kümmert sich zu Hause um ihre pflegebedürftige Mutter. Dazu kommen ihre vier Hunde, die sie von der Straße aufgenommen hat.

Jetzt fällt sie selbst aus.

Und damit steht nicht nur die Frage im Raum, wie es Marcella geht.

Sondern auch: Wer kümmert sich um ihre Mutter? Und wer um die vier Hunde?

Für alle Beteiligten ist das natürlich der absolute Worstcase.

Manuela und ihre Tochter haben sofort geholfen. Sie bringen der Mutter Essen, fahren ins Krankenhaus zu Marcella und kümmern sich zusätzlich um die Hunde. Mehr oder weniger den ganzen Tag sind sie damit beschäftigt, zwischen Mutter, Krankenhaus und Hunden hin und herzufahren.

Als wir davon erfahren haben, war für uns deshalb schnell klar: Wenn wir etwas abnehmen können, dann machen wir das.

Wir wohnen nur wenige Minuten von Marcellas Haus entfernt. Und die vier Hunde kennen uns bereits vom Markt. Wir sind für sie also keine völlig Fremden.

Also haben wir angeboten, uns um die vier zu kümmern.

Morgens gehen wir zuerst ganz normal mit unseren Mädels spazieren.

Danach fahren wir zu Marcella rüber, füttern die vier, geben ihnen Wasser und verbringen ungefähr eine Stunde mit ihnen. Ein bisschen spielen, ein bisschen beschäftigen und natürlich jede Menge Kuscheln.

Abends geht es dann noch einmal rüber.

Für uns ist das kein riesiger Aufwand. Wir sind schnell dort und die Hunde begrüßen uns jedes Mal überschwänglich.

Für Manuela und ihre Tochter bedeutet es dagegen eine ganze Menge weniger Fahrerei und vor allem ein bisschen weniger Sorge.

Wir können Marcella gerade nicht im Krankenhaus helfen. Und um ihre Mutter können wir uns auch nicht kümmern.

Aber wir können dafür sorgen, dass ihre vier Hunde gut versorgt sind.

Gestern, als alle Hunde versorgt waren und wir auch zu Abend gegessen hatten, saßen wir noch gemütlich auf unserer Terrasse.

Wobei „gemütlich“ momentan ein ziemlich dehnbarer Begriff ist.

Wir haben ja dieses so tolle undichte Dach über der Terrasse. Und da es im Moment fast täglich regnet – heuer scheinbar so viel wie in den letzten 25 Jahren nicht – wird das mit der trockenen Terrasse langsam eher schwierig.

Und natürlich freut sich darüber nicht nur die Natur.

Auch die Moskitos sind begeistert.

Ich wurde jedenfalls wieder ausgiebig mit Liebesstichen verwöhnt.

Aber wir haben ja vorgesorgt!

Unser Container enthielt schließlich unter anderem zwei Mückenlampen.

Also bin ich kurzerhand ins Haus marschiert und habe mich im Chaos auf die Suche nach einer davon gemacht.

Gefunden!

Raus auf die Terrasse, eingesteckt – und siehe da: Licht!

Ziemlich viel Licht sogar.

Es war zwar ungewöhnlich hell, denn normalerweise sitzen wir abends nur bei unseren Sturmlampen mit Petroleum auf der Terrasse. Die sind inzwischen glücklicherweise auch endlich mit dem Container angekommen.

Aber in diesem Moment war mir das ziemlich egal.

Hauptsache keine Moskitos mehr.

Jedenfalls saßen wir dann so da, chillten bei deutlich weniger Moskitos. Es kam auch ein kleines Windchen auf – allerdings zu wenig für die Mädels. Die hatten es sich im Schlafzimmer bereits mit Klimaanlage bequem gemacht.

Normalerweise sind Nala und Hope abends noch immer lange mit uns im Garten, jagen Käfer und alles, was sich bewegt. Derzeit ist es ihnen allerdings zu schwül.

Romed brachte uns noch ein gutes Glas Rotwein vom Norden der Baja und so quatschten wir über dies und das.

Die Lampe stand am Boden und warf ihren Schein auf die Terrassenplatten.

Plötzlich nahm ich aus dem Augenwinkel einen Schatten wahr.

Romed saß näher zur Wand. Nach seinem abendlichen Bad im Pool nur in Badehose.

Ich sah einen Schatten, ziemlich nahe bei seinen Füßen. Nicht groß. Vielleicht so 20 Zentimeter entfernt.

Und dann sah ich in dem Schatten einen halbrunden Kreis oberhalb.

Ich musste noch einmal hinsehen, weil ich irgendwie nicht glauben konnte, was ich da sah.

Skorpione? Klar. Wir sind in der Wüste.

Aber auf unserer Terrasse? Wo weit und breit kein Sand ist, sondern verlegte Platten?

Ja. Das ist Baja.

Da bewegte sich ganz langsam, aber immer näher, ein kleiner Skorpion auf Romeds Füße zu.

Wir saßen da ja ziemlich ruhig, aber scheinbar hatte er unsere Vibrationen gespürt und vorsichtshalber schon mal seinen Stachel ausgestellt.

Direkt neben Romeds Füßen.

Ich meinte kurz zu Romed: „Ich denke, du gibst mal besser die Füße vom Boden.“

Er: „Warum?“

Ich: „Weil da ein Skorpion neben deinen Füßen ist.“

Er – ohne überhaupt runterzusehen. Was ohne Kontaktlinsen, die er zu diesem Zeitpunkt schon herausgenommen hatte, vermutlich auch nicht viel gebracht hätte:

„Du hast ja einen Knall. Oder zu viel Rotwein.“

Ich stand auf, ging in die Küche, holte eine Tupperbox, fing den Skorpion ein und hielt ihm die Box anschließend unter die Nase.

„Und wer hat jetzt zu viel Rotwein getrunken?“

Also holten wir unsere Stirnlampen, nahmen die Tupperbox und gingen auf die andere Seite der Straße. Dort ist alles noch unverbaut und es gibt vor allem eines: jede Menge Sand.

Wir entließen den kleinen Kerl wieder in die Freiheit.

Und damit war unser gemütlicher Abend auf der Terrasse dann auch endgültig vorbei.

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