Hausbau in der Wildnis: Teil 3

Vor ein paar Tagen bekamen wir Fotos von Andrés von unserer Baustelle.

Und ehrlich gesagt: Wir waren im ersten Moment ziemlich verwirrt.

Denn das, was wir auf den Bildern sahen, deckte sich so überhaupt nicht mit dem, was wir bisher unter Hausbau kannten.

Kein Fundament, keine Mauern – nichts an dessen Anblick wir gewohnt waren.

Stattdessen sah es eher aus wie eine Grabungsstätte für irgendwelche archäologischen Artefakte.

Wir starrten auf die Fotos und versuchten herauszufinden, was genau wir da eigentlich betrachteten.

Romed brachte es schließlich auf den Punkt und fragte Andrés:

„Habt ihr etwa ein Dinosaurierskelett auf unserem Grundstück gefunden?“

Heute hatten wir wieder eine Besprechung mit Saidee und Andrés. Und diesmal erklärte er uns auch, warum unsere Baustelle momentan tatsächlich eher nach archäologischer Ausgrabung als nach Hausbau aussieht.

Natürlich musste Saide wieder zwischen Spanisch und Englisch übersetzen. Andrés’ Spanisch ist nämlich an Geschwindigkeit einfach nicht zu bremsen.

Und heute wurde die Situation noch etwas schwieriger:

Andrés und Saidee hatten beide einen Brownie im Mund.

Das hielt allerdings keinen von beiden davon ab, munter weiterzureden.

Wobei wir damit schon beim nächsten Thema wären.

Denn die Brownies waren nicht zufällig dort.

Das waren nämlich meine ersten selbstgebackenen Brownies auf der Baja.

Und ich muss sagen: Die internationale Jury (mexikanisch, kanadisch und Romed) war sich erstaunlich schnell einig und beurteilte sie als vorzüglich.

Ich selbst bin noch nicht ganz zufrieden.

Aber gut – es war der allererste Versuch. Und der hätte bei weitem mehr in die Hose gehen können als dass sie nur etwas zu trocken werden.

Jetzt wissen wir auch, was da eigentlich passiert

Aber zurück zur Baustelle.

Was wir auf den Fotos gesehen hatten, waren nicht irgendwelche Löcher, in denen Archäologen nach Überresten vergangener Zivilisationen suchen.

Es sind die ersten Schritte unserer Tiefgründung.

Unser Haus wird auf Betonpfählen gebaut – auf Spanisch Pilotes. Diese werden tief in den Boden eingebracht, bis sie auf tragfähige Bodenschichten treffen. Erst einmal sieht das Ganze deshalb ziemlich spektakulär unspektakulär aus: jede Menge Erde, tiefe Löcher und Betonpfähle, die scheinbar irgendwo aus dem Boden ragen.

Für uns sah das zunächst eher nach „Was soll das werden?“ aus.

Jetzt wissen wir: Genau daraus wird später unser Haus.

Die einzelnen Pfähle werden anschließend miteinander verbunden. Dafür kommen massive horizontale Betonbalken zum Einsatz – auf Spanisch Contratrabe oder Trabe de liga.

Und auch die Stahlkonstruktion, die wir auf den Bildern gesehen haben, hat ihren guten Grund. Die massiven Stahlkörbe bilden die Bewehrung und werden später vom Beton umschlossen. Sie sorgen dafür, dass die auftretenden Kräfte entsprechend aufgenommen und in den Untergrund weitergeleitet werden können.

Gerade hier, wo der Boden eher instabil ist und Erdbeben zum Leben dazugehören, ist diese Konstruktion entsprechend wichtig.

Mit der Skizze wurde dann auch für uns verständlicher, was wir auf den Fotos eigentlich gesehen hatten.

Skizze des Fundaments: Betonpfahl (Pilote) mit Armierung, Contratrabe und Estribos

Und plötzlich waren es nicht mehr einfach irgendwelche Löcher.

Es war unser Fundament.

Nur eben eines, das komplett anders aussieht, als wir es aus Österreich gewohnt sind.

Umdisponierung aufgrund des Regens

Die aufgeweichte Straße zu unserem Grundstück nach starkem Regen

Die Baja hat momentan ihren eigenen Plan.

Die Straße zu unserem Grundstück wurde inzwischen gereinigt und verbreitert. Eigentlich eine ziemlich gute Nachricht, denn ohne vernünftige Zufahrt wird der Hausbau mitten in der Wildnis natürlich irgendwann schwierig.

Nur regnet es derzeit fast täglich.

Und ausgerechnet dann wird der Weg zu unserem Haus zu einer ziemlich tiefen Schlammpiste.

Die schweren Lkw, die das Material zur Baustelle bringen sollen, kommen dort derzeit schlicht nicht hin. Sie graben sich mit ihrem Gewicht unweigerlich in den Schlamm.

Die Arbeiter sind zwar die ganze Woche vor Ort, sie haben sich ein Camp errichtet.

Nur: Ohne Material können auch sie nicht zaubern.

Also hat Andrés kurzerhand umdisponiert.

Die Stahlmatten werden jetzt in La Paz vorbereitet, verdrahtet und anschließend mit kleineren Lkw zur Baustelle gebracht.

Vorbereitet sind sie wesentlich leichter – und damit ist auch das Problem mit dem Einsinken erledigt.

Was uns daran wieder einmal beeindruckt hat, war weniger die technische Lösung als die Art, wie Andrés damit umgeht.

Wir hatten von diesem Problem nämlich überhaupt nichts mitbekommen.

Kein Anruf.

Keine Nachricht, dass sich alles verzögert.

Kein Drama.

Keine zusätzlichen Kosten.

Andrés hat das Problem gesehen, eine andere Lösung organisiert und uns heute einfach nebenbei erzählt, dass man das jetzt eben anders macht.

Ach ja. Das haben wir jetzt anders gelöst.

Fertig.

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie hier Dinge einfach gelöst werden, anstatt erst einmal darüber zu jammern, warum etwas gerade nicht funktioniert.

Es gibt hier offenbar kein großes „Das geht nicht“.

Eher ein:

„So geht es nicht. Dann machen wir es anders.“

Vielleicht ist genau das eine der Eigenschaften, die wir an unserem neuen Leben hier so mögen.

Und dann waren da noch die 220 Volt

Ein Thema hat Andrés heute allerdings deutlich mehr beschäftigt als die festgefahrenen Lkw:

Meine 220-Volt Ansprüche.

Ursprünglich waren einie 220-Volt Steckdosen vorgesehen.

Mittlerweile sind es einige mehr geworden.

Und das hat einen ziemlich einfachen Grund: Meine kleine Bäckerei.

Viele der Geräte, die ich dafür verwende kommen noch aus Öasterriech und haben entsprechend 220-Volt Anschlüsse . Mit den normalen 110 Volt, die hier ansonsten üblich sind, komme ich da nicht weiter.

Das bedeutet für mich ganz einfach:

Ohne 220 Volt steht meine kleine Bäckerei.

Dieses Argument schien Andrés dann doch ausreichend wichtig, um sich das Thema noch einmal genauer anzusehen.

Auch haben wir nun weitere 220 – Volt Steckdosen für Dinge wie Kaffeemaschine, Drucker und auch Romeds Akkuladestationen eingeplant, besser 2 zuviel als eine zu wenig.

Jetzt wird unser voraussichtlicher Stromverbrauch noch einmal neu durchgerechnet.

Möglicherweise kommen deshalb von Anfang an noch ein paar zusätzliche Solarpaneele und mehr Batteriekapazität dazu.

Eigentlich erstaunlich, wie viele Entscheidungen an einer einzigen kleinen Steckdose hängen können.

Auch das Thema Wasserfilter haben wir heute abgearbeitet. Direkt am Wasserauslass unserer Tanks wird ein Filter für Sedimente eingebaut. In der Küche kommt zusätzlich unter der Spüle ein Aktivkohlefilter dazu, der die Wasserleitung für die Küche und auch den Geschirrspüler versorgt.

Damit ist das Wasser für unsere Zwecke ausreichend gereinigt und kann in der Küche verwendet werden. Zum Trinken werden wir trotzdem weiterhin gekauftes Wasser aus den großen Wassergallonen verwenden. Das war für uns von Anfang an die einfachste Lösung – und daran wird sich auch nichts ändern.

Damit wäre also auch dieses Thema geklärt. Wieder ein Punkt weniger.

Brownies und dunkles Bier

Nachdem Andrés heute also so einiges für uns gelöst hat, habe ich mich ebenfalls ein bisschen ins Zeug gelegt.

Freunde von uns kommen im Oktober auf die Baja und ich habe sie gebeten, dunkles Bier für Andrés mitzubringen.

Er liebt dunkles Bier.

Und das ist hier nun einmal nicht gerade etwas, das man an jeder Ecke bekommt.

Also werden ein paar Flaschen von unseren Bekannten aus Europa quasi als persönliches Baustellen-Sondergepäck eingeflogen.

Wenn man jemandem, der sich so um den Bau unseres Hauses kümmert, damit eine Freude machen kann, macht man das doch gerne.

Und schließlich passt dunkles Bier ja auch hervorragend zu meinen Brownies.

Ich finde, das klingt nach einem ziemlich guten Arbeitsmodell.

Endlich wieder aufs Land

Nächste Woche fahren wir wieder selbst zu unserem Grundstück.

Und ich kann es kaum erwarten.

Auf den neuen Fotos ist alles sattgrün. Es blüht überall, und man hat das Gefühl, dass das Leben auf unseren 35 Hektar gerade regelrecht explodiert.

Das ist schon ein gewaltiger Unterschied zu dem Anblick, den wir noch vor einigen Monaten gewohnt waren.

Damals war vieles trocken, staubig und karg.

Jetzt scheint die Natur beschlossen zu haben, einmal alles gleichzeitig zu zeigen.

Und wir wollen das endlich wieder selbst sehen.

Nicht auf Fotos.

Nicht auf einem Video.

Sondern vor Ort.

Mitten in unserem zukünftigen Zuhause.

Wir wollen sehen, was sich verändert hat, wie weit die Arbeiten tatsächlich sind und wie sich unser Grundstück inzwischen anfühlt.

Und vielleicht erkennen wir beim nächsten Mal sogar auf Anhieb, welches Loch wofür gedacht ist.

Dinosaurier suchen wir jedenfalls nicht mehr.

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