Hausbau in der Wildnis – Teil 4

Wir waren wieder einmal mit Andrés verabredet, um beim Hausbau die nächsten Schritte zu besprechen. Da es momentan täglich regnet und das letzte Stück des Weges für unseren Wagen eine ziemliche Herausforderung wäre, hatten wir uns wieder an der üblichen Stelle verabredet, sodass er uns mit seinem Jeep den Rest der Strecke mitnehmen konnte.

Wir waren etwas zu früh dran und genossen deshalb erst einmal die Natur.

Unser Auto vor der Sierra Laguna, umgeben von Kakteen und blühenden Sträuchern

Als wir aus dem Auto stiegen, roch es nach frischem Gras, so wie es früher roch, wenn Romed gerade frisch gemäht hatte. Ein vertrauter Geruch, mitten in der Wildnis.

Man muss den Weg mittlerweile schon kennen, um zu unserem Grundstück zu fahren. Es ist unglaublich, wie sich die Natur dort verändert hat. Aus dem breiten Weg ist inzwischen fast ein schmaler Pfad geworden. Links und rechts hängen tiefgrüne Äste weit herein, und überall blüht es in Rot, Gelb und Weiß. Dazu hunderte Schmetterlinge, die zwischen den Blüten umherflattern.

Pinke Blüten vor einem Kaktus, im Hintergrund die Berge

Wir standen da und genossen einfach diesen Anblick.

Ranke um einen Baumstamm, dahinter der Sandweg zu unserem Grundstück

Nur Andrés kam nicht.

Romed schickte ihm eine WhatsApp, und wir sahen, dass er gerade erst ganz am Anfang der langen Geraden unterwegs war.

Kein Problem. Wir hatten es ja nicht eilig. Langsam ging es auf zwölf Uhr zu. Andrés war bisher noch nie unpünktlich gewesen, und für diese Strecke brauchen wir normalerweise zwanzig Minuten – Andrés bei seinem Fahrstil definitiv weniger.

Wir begannen uns ein wenig Sorgen zu machen. Das Gute da oben ist, dass es so still ist, dass wir schon von Weitem ein Auto kommen hören. Und da war noch ein eigenartiges Brummen, manchmal fast ein Jaulen.

Andrés kam um die Ecke, und wir sahen: Er war in Begleitung. Ihm folgte ein Pickup im Baja-Style, uralt, zerbeult, extrem hochgestellt und mit einem Anhänger im Schlepptau.

Der Pickup war eigentlich einmal weiß gewesen. Die ursprüngliche Farbe wechselte sich im Camouflage-Stil mit Beulen und Rost ab. Die hintere Tür der Doppelkabine war grau – vermutlich hatte man sie einfach von einem anderen Modell ausgebaut und hier wieder eingebaut.

Andrés erklärte wieder einmal alles gleichzeitig. Der Anhänger hatte einen Platten, den sie wechseln mussten, und übrigens – er bringe unseren Zement, da ein großer Lkw im Moment auf der Straße nicht durchkomme.

Also fuhren wir los, gefühlt mit 15 km/h. Andrés hing bei jeder Engstelle und jedem Schlagloch halb aus dem Fahrerfenster, das Handy in der Hand, und gab dem Fahrer des Pickups Tipps, wie er fahren sollte.

Andrés fährt die Strecke fast täglich und weiß inzwischen auf den Meter genau: Wo kommt ein Schlagloch, wo bricht der Weg weg und wo ist der Sand links tiefer als rechts?

Bei jeder Steigung – und davon gibt es einige – heulte der Motor des armen Pickups unter der Last des Anhängers auf, und er kämpfte sich mühsam Meter für Meter nach oben.

Ich erwischte mich dabei, wie ich im Auto fast mitlenkte. Schließlich sahen wir die Strecke vom Jeep aus und wussten genau, wo er besser nicht hineinfahren sollte.

Nach circa einer halben Stunde über Stock und Stein, durch Arroyos, über Hügel – aufwärts, abwärts und durch enge Kurven – kamen wir endlich auf der Baustelle an. Obwohl es im Auto angenehm kühl war, waren wir alle vom Mitfiebern komplett durchgeschwitzt.

Dort angekommen, sahen wir, dass der Zement nicht wie in Europa üblich in Papiersäcken verpackt war. Stattdessen standen zwei riesige weiße Zementsäcke auf jeweils einer eigenen Palette. Die Säcke selbst waren beinahe größer als die Paletten, auf denen sie standen.

Wir staunten nicht schlecht, als wir mit Andrés zum Fundament unseres Hauses gingen und er uns dort erzählte, dass sämtliche Gräben und Wände von Hand ausgehoben werden. Die Arbeiter bedienen sich dabei eines Senklots, wie ich es noch von meinem Großvater kenne beziehungsweise zuletzt in Ägypten im Einsatz gesehen habe.

Es war unglaublich, zu sehen, wie pfeilgerade die Wände waren und mit welcher Ruhe und Präzision die Arbeiter dort ihr Tagwerk verrichten.

Von Hand ausgehobene Fundamentgräben mit Stahlarmierung auf unserer Baustelle

Zum Glück ist es auf unserem Grundstück nicht so heiß wie in La Paz, und es geht auch immer ein kühler Wind. Wobei ich mir denke, dass die Arbeiter wohl selten Baustellen erleben, auf denen sie bei Vogelgezwitscher arbeiten können.

Momentan leben sie dort in einem großen Zelt. In der Nähe haben sie im Arroyo nach Wasser gegraben und nutzen das dabei entstandene kleine Becken für ihre tägliche Körperpflege.

Wir gingen mit Andrés und seinem Vorarbeiter über die Baustelle und besprachen Raum für Raum die konkreten Details. Auch mein Torote-Baum in der Outdoor-Dusche wurde natürlich besprochen. Schließlich musste geklärt werden, wie sich dieser in den Raum integrieren lässt.

Torote-Baum mit hellem Stamm im satten Grün auf unserem Grundstück

Als wir zum Pickup zurückkamen, waren die Männer immer noch damit beschäftigt, zu überlegen, wie sie den Zement vom Anhänger bekommen sollten. Inzwischen hatten sie begonnen, einen Teil des Zements aus dem ersten Sack mit Schaufeln auf eine große Plane zu schaufeln, um das Gewicht zu verringern.

Claudia, Andrés’ Frau, erklärte uns, dass sie nun versuchen würden, den Zement auf the Mexican Way vom Anhänger zu bekommen.

Der erste Ansatz: Sie befestigten Zugseile an der Palette und wollten den Sack mit purer Muskelkraft vom Anhänger ziehen. Sieben Männer zogen, was das Zeug hielt, aber die Palette bewegte sich gerade einmal millimeterweise.

Plötzlich gab es einen Riesenknall!

Leider hatte nicht der Zement nachgegeben, sondern die Holzplatten, mit denen der Anhänger ausgelegt war. Jetzt mussten erst einmal die Holztrümmer aus dem Weg geräumt werden. Schließlich sollte der Sack nicht an den Enden aufreißen und der gesamte Zement auf dem Boden landen.

Aber zurück zu unserem Zementproblem.

Die Männer zogen und zogen, aber es rührte sich nichts. Und dann kam Mexican Style – Teil zwei.

Andrés holte seinen Jeep. Der Pickup fuhr mit seinem Anhänger einige Meter nach vorne, damit Andrés mit seinem Auto genügend Platz hatte. Dann wurden die beiden Fahrzeuge in Position gebracht.

Arbeiter am Anhänger mit dem Zement, daneben der Jeep von Andrés

Die Palette mit dem zweiten Zementsack wurde am Jeep von Andrés befestigt, während der Pickup langsam in die Gegenrichtung fuhr. Dann starteten beide Fahrzeuge gleichzeitig.

Da der Boden untertags zum Glück meist auftrocknet und das Gelände auf der Baustelle trocken war, schafften es die beiden PS-Boliden tatsächlich, den Zement langsam vom Anhänger zu ziehen.

Nachdem der zweite Zementsack endlich vom Anhänger herunter war, war zumindest diese Herausforderung geschafft.

Natürlich müssen die Männer jetzt beide Säcke mit Schaufeln entladen. Alles Handarbeit. Anschließend wird Schubkarre für Schubkarre der Beton angemischt, um damit die Fundamente für unser Haus zu gießen.

Es ist einfach unvorstellbar, dass unser gesamter Rohbau nur mit Menschenkraft errichtet wird und dabei keine Maschinen zum Einsatz kommen.

Was uns auf der Baustelle immer wieder auffällt und vielleicht sogar noch mehr fasziniert, ist die unglaublich gute Laune und Gelassenheit, mit der die Mexikaner ihre Arbeit verrichten.

Sie tragen Material über Hunderte von Metern auf dem Rücken zur Baustelle. Selbst die Stahlarmierungen, die später in den Wänden stecken, wurden von Hand über die gesamte Strecke dorthin gebracht.

Und trotzdem sind die Männer gut aufgelegt. Sie lachen, scherzen und arbeiten weiter. Da ist kein sichtbarer Stress, keine schlechte Laune, kein Motzen.

Das ist mit Europa einfach nicht zu vergleichen. Es ist eine andere Welt.

Und wir fühlen uns hier so angenommen und aufgenommen. Jeder ist höflich, jeder ist freundlich. Man begegnet einander mit einer Selbstverständlichkeit, die uns immer wieder beeindruckt.

Das alles lässt sich mit Worten kaum beschreiben.

Auch bei der Planung unseres Hauses versuchen wir, so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen. Die Torote-Bäume, die hier auf der Baja nach den Informationen, die wir haben, unter Schutz stehen, möchten wir natürlich unbedingt erhalten. Aber auch bei allen anderen Bäumen werden wir genau überlegen, welche tatsächlich weichen müssen. Wir möchten die Natur auf unserem Grundstück so natürlich wie möglich belassen.

Kaktus mit pinker Blütenranke unter blauem Himmel

Auf der Terrasse stehen beispielsweise zwei wunderschöne Torote-Bäume, um die wir das Palapa herumplanen werden. Und auch mein Torote in der Outdoor-Dusche bekommt seinen Platz. Dafür wurde sogar das Haus verschoben.

Als Romed mit Andrés und den Arbeitern unterwegs war, um den Bereich für das Grey water festzulegen, entfernte ich mich ein wenig von der Gruppe.

Schon nach wenigen Metern konnte ich die Männer nur noch ganz leise reden und vor allem lachen hören.

Ich stand auf unserem Land, wieder einmal den Tränen nahe. Ich hörte nur das Gezwitscher der Vögel, die Grillen zirpten und um meine Füße sprangen Grashüpfer. Dieses satte Grün, diese lebendige Natur. Auf jeder Pflanze saßen Schmetterlinge, und überall summten Bienen durch die Gegend.

Es ist ein so unglaubliches, friedliches Gefühl, dort auf unserem Land zu stehen. Und in meinem Kopf ist es noch lange nicht angekommen, dass wir dort schon in wenigen Monaten für immer leben dürfen.

Während ich so dastand, sah ich mich dort schon mit Nala and Hope. Ich stellte mir vor, wie ich meinen kleinen Gemüsegarten anlege, die Wäsche aufhänge und dabei auf den Pazifik blicke. Ganz alltägliche Dinge, die sich dort oben plötzlich wie ein unglaublicher Luxus anfühlen.

Ein wenig abseits entdeckte ich zwei wunderschöne Torote-Bäume, deren Kronen sich beinahe ineinander verschlingen. Dieser Platz schrie geradezu danach, dort eine Hängematte aufzuhängen, fünfe gerade sein zu lassen und einfach den Tag zu genießen.

Zwei Torote-Bäume, deren Kronen sich fast berühren

Und genau das werden wir tun.

Es ist dieses Gefühl der Dankbarkeit, dass man so etwas in unserem Alter noch erleben darf. Dass wir dorthin ziehen, ein Teil dieser Natur werden und einfach die Stille und Abgeschiedenheit genießen können.

Wenn man den Kopf nach links dreht, sieht man im Hintergrund die Sierra Laguna mit ihren Erhebungen und Bergen. Dreht man den Kopf nach rechts, blickt man durch die Bäume auf den Pazifik.

Kaktus mit Luftpflanze im Gegenlicht, dahinter die Berge

Vom Meer weht ständig ein frischer Wind herauf. Es ist einfach ein unglaubliches Gefühl.

Auch auf der Heimfahrt haben wir darüber gesprochen. Ich weiß nicht, wann wir es wirklich begreifen werden. Wir haben so viele Jahre davon geträumt, unseren Lebensabend dort oben verbringen zu dürfen. Und jetzt ist es tatsächlich bald so weit.

Wir können es beide noch immer nicht glauben.

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